Drei Meisterbäcker gehen auf die Straße!

15. Oktober – Tag der Wiener Handsemmel

© Gragger Helmut

© Gragger Helmut

Handsemmeln schlagen und backen im mobilen Holzofen, ein traditionsreiches Handwerk präsentiert sich am Mittwoch, den 15. Oktober, von 11 bis 14 Uhr mitten in der Wiener City. Slow Food Wien bringt drei Meisterbäcker – Helmut Gragger (Wien), Erich Kasses (Laa/Thaya) und Horst Felzl (Wien) – auf die Wiener Kärntnerstraße.

Die Handsemmel ist der Inbegriff des Wiener Frühstücks. Ohne sie schmeckt ein Gulasch nur halb so gut. Jeder Wiener Würstlstand braucht sie, um sein Angebot abzurunden. Mit Schinken und frisch geriebenem Kren ist sie eine ureigene österreichische Zwischenmahlzeit: die Semmel. Und zwar nicht irgendeine Semmel, sondern die echte, die gute, alte Handsemmel. Denn nur sie schmeckt so, wie sich das der Bäcker Kayser im Jahr 1750 – auf dessen Namen die Kaisersemmel oder Handkaisersemmel laut Erzählungen zurückgehen soll – vorgestellt hat. Umso trauriger, dass die Handsemmel von der Regel zur Ausnahme geworden ist. Man muss schon ausdrücklich nachfragen, um so etwas in einer Bäckerei zu bekommen. Und nicht selten hört man auf den Wunsch die Antwort „Führen wir leider nicht.“

© vielfalt.com, Erich Kasses

© vielfalt.com, Erich Kasses

Aber es gibt sie noch, die Bäcker, die den Inbegriff des Bäckerhandwerks nach wie vor zu schätzen wissen. Die das traditionsreiche Wissen um die Handsemmel an ihre Lehrlinge weitergeben und die Königin der Semmel als Aushängeschild für die Qualität des Betriebes führen. Sie müssen einen immer härter werdenden Konkurrenzkampf gegen die Dumpingpreispolitik der aus dem Boden schießenden Backshops und Backboxen führen. Das Match der Bäcker gegen die Supermärkte und Diskonter bekommt ständig neue Dimensionen und beschleunigt das Bäckersterben. Eine Statistik der KMU-Forschung Austria zeigt, dass die Zahl der Bäckereien in Österreich von 2005 bis 2012 um über 300 auf 1597 Betriebe zurückgegangen ist, die Umsatzerlöse jedoch um 15Prozent auf 1,54 Mrd. Euro gewachsen sind. Die durchschnittliche Bäckerei hat rechnerisch von 13,7 Mitarbeitern auf 16,2 zugelegt.

© Helmut Gragger

© Helmut Gragger

Slow Food Wien holt die Bäcker nun auf die Straße, um zu zeigen, was hinter der Handsemmel und damit dem Bäckerhandwerk steckt. Wie viel Können, Geschick und Zeit notwendig sind, um eine köstliche resche Handsemmel zu backen und warum diese Handsemmel nicht nur herausragend schmeckt sondern vor allem einen Wert hat, der ihren Preis um die 80 Cent im Gegensatz zur 15-Cent-Semmel der Diskonter rechtfertigt.

Unterstützt wird die Handsemmelbackaktion von Cuisino, den Gastronomiebetrieben von Casinos Austria, die gemeinsam mit Slow Food Wien bereits dreimal den Preis für das beste Lebensmittelhandwerk vergeben haben. 2011 wurde dabei die beste in Wien erhältliche Handsemmel von einer fachkundigen Jury prämiert.

Wir sind dabei, wenn die drei Meisterbäcker auf die Straße gehen und hoffen, ihr seid es auch!

Buchpräsentation: “Who the f*** is Heidi?”

SFYN-Mitglied Sarah Krobath und Pöhl’s Käsestand laden herzlich zur Buchpräsentation von

WHO THE F*** IS HEIDI? – Die Engländer, die Schweizer, der Käse und ich

am 18. Juli um 18:00 Uhr bei Pöhl’s Käsestand am Kutschkermarkt, 1180 Wien.

Unter der Moderation von Journalistin und Kochbuch-Autorin Katharina Seiser spricht Sarah Krobath über ihr eBook. Dazwischen wird die Autorin zwei kurze Passagen vorlesen und uns auf die Marktplätze, in die Restaurantküchen und Reifekeller ihrer abenteuerlichen Reise mitnehmen. Für Käsefreunde biete sich die Gelegenheit, einige der Schweizer Rohmilchkäse aus dem Buch zu verkosten. Streichen Sie sich den Termin gleich im Kalender an – am besten in Emmentalergelb.

© 2014 dotbooks GmbH, Titelbild: Heinz PloderWie liefert man in London Käse aus?
Darf man alle Schweizer in einen Fonduetopf werfen?
Und welche gastronomischen Wissenschaften können im Piemont studiert werden?

Sarah hat Appetit – auf gutes Essen, aber auch auf ein Abenteuer. Darum kündigt die erfolgreiche Werbetexterin ihren Job in Wien und beginnt ein Praktikum bei den Schweizer Käsemachern von Jumi – die sie schnurstracks nach London schicken, um dort ausgefallenen Gaumenfreuden zu verkaufen. Klingt verrückt? Ist es auch. Und noch dazu aufregend, verlockend köstlich und immer wieder unerwartet!

Eine Frau zieht aus, um das Genießen zu lernen: Begleiten Sie Sarah auf ihrer Reise, schnuppern Sie in Töpfe, Restaurantküchen und Reifekeller und entdecken Sie, wie spannend gutes Essen sein kann, wenn man sich ganz darauf einlässt!

© Jürgen Pletterbauer

© Jürgen Pletterbauer

 

MEET & EAT Extra Natives Olivenöl mit Lucia Iannotta und AromaTisch

993730_628197743878278_929318988_nDie nächste SFYN Academy findet in Kooperation mit AromaTisch statt. Unter dem Motto „Mehr Raum für Aromen“ organisieren Brigitte und Domenico Kurse über extra natives Olivenöl, Geschmacksseminare zu besonderen Lebensmitteln, und u.a. auch die Reihe „Meet the Producer“. Um letzteres geht es auch bei unserem Mai-Event:

Wir lernen Lucia Iannotta kennen, die im südlichen Latium bei Sonnino Oliven der Sorte Itrana anbaut. Die prämierte Olivenöl-Produzentin plaudert mit uns über die Herstellung von hochwertigem Olivenöl und über ihre Arbeit, die zugleich ihre Leidenschaft ist.

Dazu gibt’s einen Mini-Kurs im Olivenöl-Verkosten, mehrere Kostproben und italienische Köstlichkeiten von AromaTisch.

Infos über und Eindrücke von AromaTisch gibt’s ihr hier.

Wann: 13.05. um 18.30 Uhr
Wo: AromaTisch – Kandlgasse 23/4, 1070 Wien
Beitrag: € 7,-/10,- für SFYN-Mitglieder/Nicht-Mitglieder
Die TeilnehmerInnen-Zahl ist begrenzt. Teilnahme nur mit verbindlicher Anmeldung unter veranstaltungen@sfynwien.at und Überweisung des Teilnahme-Beitrags bis 09.05.

Wir freuen uns auf eure Anmeldungen und euer Kommen!

Olivenölproduzentin Lucia Iannotta © Brigitte Schmidhuber

Olivenölproduzentin Lucia Iannotta © Brigitte Schmidhuber

 

 

Das war der Table-Talk mit Le Foodink am 17. April

Bild: © Veronika Phillipp

Bild: © Veronika Phillipp

Der April-Event der Slow Food Youth Network Academy fand nicht im Projektlokal oder bei einem Produzenten, sondern im Atelier von Le Foodink im ersten Wiener Bezirk statt. Dort produzieren Miriam Strobach und Gregor Einetter Ideen rund um die Vermarktung und den Vertrieb von hochqualitativen Lebensmitteln. Neben Projekten wie dem Cookbook Publisher und der Kochbox, haben sie 2013 Porcella, einen Direktversand von hochwertigem Biofleisch von alten Rassen wie dem Waldviertler Blondvieh und dem Turopolje Schwein, gestartet. „Wir haben eigentlich schon seit dem Studium und auch davor zusammengearbeitet“, blickt Miriam zurück, „als wir uns dann aber auf unsere Leidenschaft, die Kulinarik, spezialisiert haben, sind auch die Projekte gekommen.“ Dass diese auch bei den einzelnen Teilnehmern des Table Talks eine wichtige Rolle spielt, zeigt sich in der Vorstellungsrunde bei selbstgemachtem Rhabarbersaft und Crostini. Während die einen ihre Leidenschaft als französische Pâtissière, Mitarbeiter auf einem Biohof, im Weinmarketing oder als erste Master Fleisch Sommelière Österreichs bereits zum Beruf gemacht haben, leben sie andere vor allem in ihrer Freizeit z.B. über Foodfotografie, Foodblogs oder Experimente mit Fermentation aus. Die meisten Projekte entstehen entweder, weil einen etwas begeistert, oder aber weil einen etwas besonders stört. Für Gregor und Miriam war es der Aufwand, der damit verbunden ist, wenn man für jeden Fleischeinkauf zum Bauern aufs Land fahren muss, weil Supermarktfleisch für einen keine Alternative darstellt.

Bild: © Le Foodink 2014

Bild: © Le Foodink 2014

Als der Gedanke zu einem Direktversand geboren war, mussten aber erst noch ein verbessertes Webshopkonzept entwickelt und eine neue Logistiklösung gefunden werden, bevor Porcella ganz Österreich und Deutschland mit Fleischraritäten von Biofleischermeister Roman Schober beliefern konnte. Bessere Konditionen für die Fahrer, die jedes bestellte Paket ausliefern, waren den beiden bei der Wahl des richtigen Logistikpartners von Anfang an sehr wichtig, dafür finden sie auch die 15,- Versandkosten pro Lieferung völlig legitim. Die Frage, ob sich Porcella  nicht auch andernorts umsetzen ließe, beantwortet Gregor so: „Jedes Land ist anders. Sogar Deutschland hat eine andere Fleischkultur als Österreich, dort wird Fleisch zum Beispiel auch anders geschnitten.“ Man müsste das System überhaupt mit lokalen Bauern und lokalen Rassen adaptieren. Sie hätten sich diesbezglich auch in Schweden umgeschaut, dort würden aber noch strengere Bio-Richtlinien herrschen und sie hätten keinen Fleischer mit einem ähnlich großen Landwirtnetzwerk gefunden, der ihren Anforderungen an die Fleischqualität und Lieferbarkeit verschiedener Rassen gerecht wurde.

Bild: © Veronika Phillipp

Bild: © Veronika Phillipp

Ihre Rolle als Händler nehmen Gregor und Miriam mit Porcella sehr ernst. „Es wird viel verlangt von einem Produzenten: er soll etwas anbauen, er soll es verarbeiten und dann soll er es auch noch vermarkten. Weil das aber auch alles professionell gemacht werden muss, ist die Funktion von Händlern eine ganz wichtige“, erklärt Gregor. Das sei neben den positiven Rückmeldungen der Kunden auch der Grund, warum sie ständig daran arbeiten, ihren Service und die Website weiterzuentwickeln.

 

Innovative Projekte wie Porcella, die uns mit Biofleisch, Biofisch oder anderen nachhaltige Lebensmitteln versorgen, wünschen wir uns jedenfalls mehr!

Willkommen zur SFYN Academy!

Gute, saubere und faire Lebensmittel nur zu predigen, genügt nicht. Damit sie sich als echte Alternativen im globalen Lebensmittelsystem behaupten können, müssen wir sie begreifbar machen – mit Wissen und Gewissen.

Mit der Slow Food Youth Network Academy möchten wir jeden Monat Produzenten, Gastronomen und interessanten Persönlichkeiten aus dem Lebensmittelsektor eine Bühne für ihre Themen und Begegnungen mit Konsumenten bieten. Denn zum Genuss gehören immer zwei.

Termine und Infos zu den nächsten Veranstaltungen ab Mai folgen in Kürze.

Vergangene Veranstaltungen:

Table-Talk mit Le Foodink | 17.04.2014

Bild: © Le Foodink

Bild: © Le Foodink

Meet&Eat Kimchi mit Janos Szabo | 20.02.2014

Bild: © Janos Szabo

Bild: © Janos Szabo

Arme Ritter in der alten Fabrik – Slow Food Youth Network bei der Vienna Design Week 2013

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Dort wo sonst die Akteure des Theater des Augenblicks auftreten, eröffnete Alexandra Palla während der Vienna Design Week 2013 die temporäre RoughCutHall. Am letzten Tag des Food-Reigens kochte das Slow Food Youth Network für Freunde und Interessierte, für kulinarisch- und designaffine Besucher Arme Ritter.

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Was gibt es? Arme Ritter? „Ah! French Toast!“ riefen die einen, „Ach so! Pofesen!“, die anderen. So umstritten wie die Namensgebung, so vielseitig sind die Zubereitungsarten. Der Begriff Pofese geht jedenfalls zurück auf pavese, gleichbedeutend mit aus Pavia stammend, aus der kleinen norditalienischen Stadt. An diesem Sonntag wurde das traditionelle Gericht (ein paar Tage altes Brot wird in eine Mischung aus Milch und Eier getunkt und in Butter oder Schmalz herausgebraten) jedenfalls – gar nicht arm – mit frisch eingekochtem Zwetschkenröster und Apfelmus serviert. Wer sein altes Brot auch zu Armen Rittern machen möchte, findet hier die Rezepte.

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Zum Obst kamen die Köchinnen und Köche u.a. über die Initiative Mundraub -  eine Internetplattform, auf der ganz nach dem Motto „Freies Obst für freie Bürger“ auf einer digitalen Landkarte auf öffentlichem Grund wachsende Obstbäume und –sträucher verzeichnet sind.

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Das alte Brot spendierten Helmut Gragger und Irene Pöhl. Vielen Dank!

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Ein Sommer auf der Beerenfarm – mit WWOOF in Dänemark

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„Wow! Sie waren auf einer Bärenfarm?“, fragt mich die Verkäuferin des Regensburger Schokoladengeschäfts, in dem ich mir gerade einen Kaffee bestelle. Bären? Nein. Außer Brummbären bin ich in diesem Sommer keinem Bären begegnet. „Sie sitzen einem Missverständnis auf“, erkläre ich der jungen Frau. Ich nehme meine Tasse Cappuccino und setze mich an meinen Stammplatz. „Auf einer Beerenfarm habe ich diesen Sommer gearbeitet“, murmle ich und bin in Gedanken schon wieder auf der Plantage in Dänemark.

Vor drei Jahren haben Tim und Heidi die Beerensträucher dieser dänischen Plantage gepflanzt. Sie beide liebten schon immer Himbeeren und Brombeeren. Der gute Boden um ihren Hof Skovlundgard lud außerdem richtiggehend dazu ein, junge Beerenpflanzen samt deren Wurzeln in die Erde zu setzen. Skovlundgard liegt im Südosten der dänischen Insel Fünen, Felder und ein Waldstück umringen das Anwesen. Die Weite und die einsame Lage stehen dem Hof gut und bringen seine Schönheit zur Geltung.

Noch vor wenigen Jahren flogen in Skovlundgard Hühner umher. Gelegentlich ließen sich die Tiere in den hohen Bäumen nieder. Heidis Eltern bewirtschafteten zu dieser Zeit die Farm in der vierten Generation. Als der Vater erkrankte und starb, stand die Zukunft des Hofes auf wackligen Beinen. Heidi wollte nicht die erste sein, die mit der langjährigen Familientradition in Skovlundgard bricht.

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Heidi und Tim suchten nach Nischen: Ihr Konzept sollte einen Gegenentwurf zu den zahlreichen Monokulturen bilden. „Ich will mit und für die Natur arbeiten, nicht gegen sie“, sagt Tim. Neben den Beersträuchern setzten sie Eichen, Walnuss- und Haselnussbäume. Und der endlosen Expansionswut vieler Bauern zum Trotz beschloss das Paar künftig nur ein einziges Feld zu bestellen. Ihr Entwurf bleibt ein Risiko. Doch: Er glaube an das, was er tue, sagt Tim.

Seit 1. September 2013 trägt der Hof des Paares den Titel und die Auszeichnung „Organic Farm“. In Dänemark erhält ein Bauer das offizielle Organic-Zertifikat nach drei Jahren. In dieser Zeit sollen sich die Rückstände der Spritzmittel im Boden zurückbilden.

Für einige ihrer Bekannten sei „organic“ lange ein Schimpfwort für Ökohippies gewesen, erzählt Heidi. Längst bevor die Akzeptanz für diese Art der Landwirtschaft europaweit wuchs, hat das Paar selbst seine Erfahrungen gesammelt. Auch am WWOOF-Programm (World Wide Opportunities on Organic Farms), für das Heidi und Tim den Hof heuer erstmals öffneten, nahmen sie mehrmals teil.

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Ich selbst kenne WWOOF seit 2001. Nur, damals reiste ich nach Australien und für die tägliche Arbeit auf einer Farm war mein Respekt vor giftigen Schlangen und Spinnen zu groß. Das Programm behielt ich aber im Hinterkopf und meldete mich heuer Anfang August bei WWOOF-Dänemark an. Zwei Anfragen und einen Tag später erhielt ich die Antwort: „Hi Franziska, sounds good for us!“ Am 7. August fuhr ich mit dem Europa-Nacht-Zug nach Fünen. Nach Skovlundgard.

„Die Beeren und Sträucher sind meine Babys“, erklärt mir Tim am ersten Tag. Diesem Bild entsprechend fahren wir zu zweit mit einem Kinderwagen aufs Feld. Tim hat alte Exemplare zu kleinen Transportern umgebaut. Anstelle der Babys liegen in den Wagen Schachteln mit kleinen Boxen, die wir mit den Beeren füllen. „Eine Brombeere ist dann saftig süß, wenn die vielen kleinen Kugeln der Frucht beinahe platzen“, sagt Tim. Wer zu früh pflückt, dem zieht die Säure den Mund zusammen. Mir verzieht es anfangs oft die Mundwinkel. Weil die Sorte ohne Dornen ist, bleibe ich dafür ohne Kratzer. Mit Stacheln verteidigen in Skovlundgard nur die Himbeersträucher ihre Früchte.

2012 ernteten Tim und Heidi erstmals Himbeeren für den Verkauf. Waren im Sommer 2012 besonders viele Früchte reif, sprang Oma Birgitt mit ein. 2013 startete auf der Farm die erste Brombeersaison. Seit meiner Ankunft stehen jeden Morgen Beeren auf dem Frühstückstisch. Und jeden Morgen schmecken sie köstlich. Beerenüberdruss ist mir schleierhaft.

Ein Meer aus scharfkantigen Muschelscherben umgibt die Sträucher in Skovlundgard. Dieser Scherbengraben hält Schnecken fern. Wer in der Landwirtschaft ohne Gift arbeitet, braucht außer Ideen auch Geduld: Diese ist vor allem beim Unkrautjäten gefragt. An einigen Tagen rupfe ich Disteln und Co mit der Hand aus und verstehe plötzlich, warum jemand Unkrautvernichtungsmittel erfunden hat…

Auf der Farm stärken wir uns täglich mit Gemüse aus dem Garten. Alles weitere kommt aus dem Supermarkt. Statt Chips gibt es Bohnen und Karotten. Jeden Abend kochen wir abwechselnd. „Mein Garten ist wie ein kleiner Supermarkt“, erklärt mir Heidi. Ich genieße diesen Markt, ernte frühmorgens Kartoffeln, Karotten, Sellerie, Zwiebel, Maggikraut und Lauch und koche abends einen bayerischen Pichelsteiner-Eintopf.

„My beautiful office“ nennt Tim die Plantage gern. Und obwohl ich an einem Tag einen Krampf in meinen Fingern spüre, weil ich den Wildwuchs der Brombeersträucher mit einem Tacker einbremse, muss ich ihm recht geben: Nach einem schöneren Arbeitsplatz müsste ich wohl lange suchen.

Als ich in Regensburg so an meiner Kaffeetasse nippe und mir die vielen Beeren des Sommers durch den Kopf gehen, finde ich, dass die Verwechslung mit der Bärenfarm gar nicht so verkehrt ist: Schließlich habe ich einem Dompteur gleich wilde Beeren(Sträucher) gebändigt und nach dem Sammeln der Beute in leckeres saftiges (Frucht)Fleisch gebissen.

Vielen Dank an Franziska Biederer für diesen Artikel.

WWOOF steht für „World Wide Opportunities on Organic Farms“. Susan Coppard gründete die Initiative 1971, mittlerweile besteht WWOOF International aus mehr als 50 Gruppen weltweit. Die Organisation bietet Interessierten die Chance, mit ökologischen Höfen Kontakt aufzunehmen um dort mindestens zwei Tage oder länger, im Tausch gegen Kost und Logis, mitzuhelfen. WWOOF ermöglicht die Unterstützung der ökologischen Bewegung und hilft, eine Brücke zwischen Produzenten und Konsumenten zu schaffen und Erfahrungen im ökologischen Land- und Gartenbau zu sammeln.

http://www.wwoof.net

Der Markt der Erde in Parndorf – Slow Food Burgenland lädt ein

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Samstag morgen, emsiges Treiben. Zweimal pro Monat findet in Parndorf der Markt der Erde statt. Ob Brot, ob Fisch, ob Ei: Im Stadl des Ziegenhofs Ziegenliebe finden sich regelmäßig Produzenten aus der Region ein, um ihre Schmankerl darzubieten. Dabei bleiben keine Wünsche offen: neben dem Angebot von Obst und Gemüse, verschiedensten Käsen und Joghurt aber auch Marmeladen und Säften gibt es einen Kaffeestand, eine Weinbar und eine Schauküche. Nach getanem Einkauf kann man sich die regionalen Köstlichkeiten – vor den eigenen Augen frisch zubereitet – kredenzen lassen.

Die Earth Markets, zu denen auch der Markt in Parndorf zählt, bilden ein weltumspannendes Netzwerk aus Märkten, deren Anbieter die Slow Food Philosophie vertreten. Bauern aus der Region tun sich zusammen und stärken einander durch das Miteinander. Die Lebensmittelkette ist kurz und der Kontakt zum Kunden sehr eng. Und so wird gemeinsam eine Plattform zum Austausch von Waren und Anekdoten geschaffen, wie man sie sich in Zeiten der industrialisierten Lebensmittel kaum anders wünschen würde.

Jung und Alt zieht es nach Parndorf, um hier einzukaufen, Kindern streicheln die Ziegen und füttern die Hühner und Enten. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung und hin und wieder sorgt eine Kapelle für musikalische Untermalung. So ist es nicht verwunderlich, dass der Markt der Erde auf nunmehr drei erfolgreiche Jahre zurückblicken kann.

Der Markt der Erde ist mit seinen Köstlichkeiten eine Reise wert. Mehr Informationen zu Produzenten und Terminen findet ihr unter hier.

 

Danke an Stephanie Grahl für diese Eindrücke vom Markt der Erde.

Slow Food Terra Madre

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Alle zwei Jahre findet in Turin ein großes Treffen verschiedenster Menschen statt. Ihre Gemeinsamkeit: die Liebe, das Interesse, die Begeisterung und die Neugier für Essen, Nahrungsmittelproduktion und -verarbeitung.

Terra Madre ist ein Projekt, das von Slow Food konzipiert wurde – Ergebnis der Entwicklung der Bewegung, die heute ihren Schwerpunkt in der Überzeugung hat, dass “Essen ein landwirtschaftlicher Akt“ und das „Herstellen von Nahrungsmitteln ein gastronomischer Akt” ist. Von Anfang an hat Slow Food sich für den Genuss beim Essen und für gute Lebensmittel eingesetzt und die lokalen Kulturen gegenüber der zunehmenden Gleichmacherei verteidigt, die von den so genannten modernen Produktions- und Vertriebslogiken und der Massenproduktion auferlegt werden. Und gerade dadurch, dass diese Logiken bis ans Ende gedacht wurden, ist Slow Food sich klar geworden, wie notwendig es ist, die kleinen Erzeuger zu schützen und zu unterstützen, aber auch das System zu ändern, das sie schädigt. Mit diesem Ziel wurden Handlungsträger vereint, die über Entscheidungsmacht verfügen: Verbraucher, Ausbildungsinstitute, Köche und Wirte, Agrarforschungsinstitute, Nichtregierungsorganisationen…

So entstand Terra Madre: um den Bauern, Fischern und Tierzüchtern, die unsere Welt bevölkern, Stimme und Sichtbarkeit zu verleihen. Um in den Erzeugergemeinschaften und der öffentlichen Meinung das Bewusstsein zu steigern, wie wertvoll ihre Arbeit ist. Um den Erzeugern ein paar Waffen mehr in die Hand zu geben, damit sie weiter für bessere Konditionen kämpfen – für unser aller Wohl und das Wohl des Planeten

www.terramadre.info

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Das Netzwerk Terra Madre wurde 2004 bei einem ersten Treffen von mehr als 500 Produzenten gegründet, 2006 wurde der Kreis um Köche erweitert, 2008 um Forscher und Wissenschaftler.

Das Netzwerk wächst und gedeiht prächtig. 2012 wurden der bislang unabhängig von der Terra Madre veranstaltete Salone del Gusto, die kulinarische Messe, und die Terra Madre zusammengelegt.

In großen Hallen stellen Produzenten ihre Erzeugnisse vor. Als Besucher und neugieriger Esser flaniert man von Stand zu Stand, kostet in der Halle der Italiener sizilianische Canoli und würzige Fenchelsalami und in der internationalen Halle so unterschiedliche Produkte wie Eiskonfekt aus Island, mit Ziegenmilch erzeugten Schokoladeaufstrich aus Frankreich oder österreichisches Grubenkraut.

Alle haben ihren Platz. Beim Stand von Slow Food Youth werden Workshops angeboten: Neugierige junge Menschen können sich hier informieren, wie sie selbst Teil der Terra-Madre-Gemeinschaft werden können.

Mitglieder verschiedener Slow-Food-Youth-Gruppen erklären, wie in Deutschland eine Schnippel-Disco und in den Niederlanden ein Food-Film-Festival organisiert wird und wie sich die Slow Food Youth Gruppe aus Paris in der Hauptstadt der Gourmets behauptet und laufend Projekte initiiert.

Es gibt Workshops für Kinder, Informationen zur Organisation Slow Fish und an jeder Ecke, an jedem Tisch, an jeder Theke finden Gespräche statt.

Das Netzwerk der Terra Madre organisiert eine Reihe von Konferenzen, die in mehreren über das Gelände verteilten Orten stattfinden. Immer finden sich sehr interessante Persönlichkeiten auf der Bühne, die ein Thema diskutieren. Im Zuschauerraum wie in den Hallen treffen Menschen aus aller Welt aufeinander die sich kennenlernen, austauschen, und mit neuem Wissen weiterziehen.

Einer der schönsten Orte ist aber wohl die Kantine. Bei jeder Mahlzeit finden sich dort die unterschiedlichsten Menschen mit den interessantesten Geschichten an einem Tisch wieder. Und das ist es wohl auch, was die Terra Madre so besonders macht. Sie ermöglicht es jedem Einzelnen, seine Geschichte zu erzählen. Ob er oder sie nun Kakao anbaut, ein kleines Lokal besitzt oder als Student dabei ist, die Welt zu erkunden. Und die Geschichten finden Ohren und werden weiter getragen hinaus in die Welt.